Saison-Highlight nach Maß

Beim Truck Grand Prix auf dem Nürburgring ist vieles rekordverdächtig. Zum Beispiel die Anzahl der Pressemeldungen, die die Organisatoren an diesem Wochenende im Medienzentrum an die zahlreich anwesenden Journalisten verteilen. Rund 25 Texte steckten am Sonntagabend in den Fächern – und die nüchterne Meldung mit der Nummer 22 beschreibt eigentlich am besten die Bedeutung, die das Truckrennen in der Eifel für die Teams und die Veranstalter hat. Da stand zu lesen, dass das 24.000 Quadratmeter große Ausstellungsgelände neben dem Fahrerlager auch in diesem Jahr komplett ausgebucht war. Das Interesse der Industrie an diesem einzigartigen Spektakel, das aus einem Mix der Elemente Motorsport, Unterhaltung und Information angerührt wird, ist ungebrochen. Dementsprechend stehend die Fahrer und ihre Teams gewaltig „unter Dampf“, wenn sie sich durch vier anstrengende Tage in der Eifel kämpfen – obwohl es dort wie an den anderen Läufen auch nur maximal sechzig Punkte für einen Fahrer zu holen gibt. Verschärft wurde der Druck in diesem Jahr durch den Terminplan, der den Akteuren zwischen den Rennen vier und fünf im Kalender keine Zeit zum Erholen ließ: Die Veranstaltungen auf dem Red Bull- und dem Nürburgring fanden an zwei aufeinander folgenden Wochenenden statt.

 

Jochen Hahn demonstrierte allerdings gleich zu Beginn der Mega-Veranstaltung, dass er bei seinem Heimrennen gewillt war, den Zeiger wieder auf Null zu stellen: Die letzten, nicht unbedingt optimal verlaufenen Runden vergessen, vor den heimischen Fans das Beste zu geben hatte sich der Altensteiger vorgenommen. Um es vorweg zu nehmen: Was die Performance von Truck und Fahrer anbelangt, gelang das ausgezeichnet. Allerdings waren die „Pechkübel“ für Jochen und seinen härtesten Konkurrenten Antonio Albacete sehr gerecht verteilt, so dass unter dem Strich keiner der beiden dominierenden Akteure einen entscheidenden Hieb setzen konnte.

Der Spanier startete zunächst um einige Zehntelsekunden furioser in den eigentlichen Wettbewerb – das lange Wochenende hatte ja schon am Donnerstag mit Presse- und VIP-Fahrten sowie freien Trainingsrunden begonnen. Im ersten Kampf um die Superpole erwies sich Albacete als schnellster Fahrer. Er nutzte die gewonnene Pole Position beim Start zum ersten Rennen und setzte sich zunächst an die Spitze des Feldes. Doch in der dritten Runde gelang es Verfolger Hahn, den Spitzenreiter so unter Druck zu setzen, dass er sich einen Fehler leistete. Jochen nahm die „Einladung“ dankbar an und zog souverän am Markenkollegen vorbei. Damit war die Entscheidung gefallen, bis zum Ende des Dreizehn-Runden- Rennens blieb die Spitze unverändert. Mit dem Sieg war das Selbstvertrauen von Fahrer und Team wieder hergestellt und man hoffte auf weitere Erfolge beim Heimspiel.

 

Die Hoffnung wurde zunächst enttäuscht: Nach einem guten Start ins zweite Rennen musste der Doppeleuropameister in der Anfangsphase des Rennens wegen einer defekten Seitenverkleidung einen Umweg über die Boxengasse nehmen, damit die Mechaniker aus Sicherheitsgründen die losen Plastikteile entfernen konnten. Zudem bestand der Verdacht, dass die Verkleidung die Bremsleitung beschädigt hatte. Der Rest des Feldes war natürlich nicht so nett, zu warten, bis Jochen Hahn nach dem kurzen Boxenstopp wieder auf die Rennstrecke zurück kam. Er hatte durch das Malheur eine Runde verloren und

 beendete deshalb das Rennen mit dem enttäuschenden letzten Platz.

 

Neuer Tag, neues Spiel: Bei strahlendem Sonnenschein (am Nürburgring bekanntlich eine Seltenheit) sicherte sich Jochen Hahn am Sonntagvormittag erneut die zweite Startposition für das dritte Rennen. Ein gelungener Start sollte sich schnell als wertlos erweisen, denn nach einem Crash in der ersten Runde wurde der Lauf neu gestartet. Glücklicherweise gelang der zweite Aufgalopp ins dritte Championshiprace ebenfalls perfekt, Hahn sortierte sich hinter Albacete ein, der einmal mehr von der Pole starten konnte. Der amtierende Champion blieb die gesamte Renndistanz knapp hinter Antonio, der diesmal besser auf der Hut war und dem Verfolger kein Türchen öffnete. Die „ewigen Konkurrenten“ bewiesen dabei eindrucksvoll, dass sie ihre Emotionen im Griff haben und in der Lage sind, dem Publikum auch ohne Ruppigkeiten und Rempeleien einen überaus spannenden und unterhaltsamen Zweikampf auf höchstem Niveau zu liefern.

 

Im abschließenden Rennen am Sonntagnachmittag passierte dem Spanier das gleiche Missgeschick wie Jochen am Vortag – er musste den Lauf als Nullrunde  verbuchen, nachdem ihn der Belgier Blaise „abgeschossen“ hatte. Aus Sicht des Castrol Teams Hahn Racing war das Finale des Truck Grand Prix auf dem Nürburgring allerdings perfekt. Jochen musste wegen des gedrehten Starts von der siebten Position aus starten und zeigte dann fast schon wie aus dem Lehrbuch, wie man sich trotzdem bis auf einen Podiumsplatz vor arbeitet. Hahn behielt auch beim Finale die Übersicht und verbesserte sich Runde um Runde mit spektakulären Überholmanövern bis auf den dritten Platz.

 

So richtig Durchatmen kann das Team nach dem Megawochenende allerdings nicht – wegen der weiten Anreise zum nächsten Termin am übernächsten Wochenende in Russland bleibt der Zeitplan auch zum Beginn der zweiten Hälfte des Rennjahres unverändert straff. Der Kampf um die Krone geht auf dem Smolenskring weiter. Wie sagte doch Jochen Hahn am Samstagabend beim Interview in der Konzertarena Müllenbachschleife? „Ich gönne Antonio die Spitzenposition. Aber spätestens beim letzten Lauf in Le Mans werden wir das wieder umdrehen.“ Der erfolgreiche Auftritt in Deutschland stärkte das Selbstvertrauen des Teams, das überzeugt davon ist, dass Jochen auch den dritten Titel in Reihe schaffen und sich den Hattrick sichern wird.

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